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FTD-Serie: Software zu treuen Händen

August 2004 - Financial Times

Von Martin Brust

Escrow-Agenturen schützen Firmen,
falls ihre Software-Anbieter Pleite gehen.

 

Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten haben in den vergangenen Jahren mehrmals schlechte Erfahrungen mit Software-Nischenanbietern gemacht: Als sie insolvent waren, sahen sich die Sender gezwungen, auf die Schnelle einen anderen Anbieter zu finden oder selbst eine Software zu schreiben. "Wir werden daraus Konsequenzen ziehen und uns beim Kauf einer neuen Software künftig wohl durch einen Escrow-Vertrag absichern", sagt Thomas Becker, der Wirtschaftsinformatik an der Fachhochschule Mainz lehrt und die Abteilung IT-Strategie beim ZDF leitet.

 

Der Hintergrund des Problems ist schnell erklärt. Firmen erwerben bei Software-Herstellern meist kein eigenständiges Produkt, sondern lediglich eine Nutzungslizenz. Dabei treffen die Hersteller strikte Vorsorge, dass aus ihren Programmen keine Rückschlüsse auf deren Quellcode gezogen werden können - denn das würde die Zerstörung der Geschäftsgrundlage bedeuten. Gehen sie dennoch Pleite - wie dies in der deutschen Softwareindustrie 2003 insgesamt 832-mal geschah -, steht der Kunde wie im Fall des ZDF womöglich dumm da.

 

Im Interesse beider Seiten

Für dieses Problem bieten Escrow-Agenturen einen Service an, der die Interessen beider Seiten wahren soll. Escrow (englisch für Treuhänder) bedeutet die Hinterlegung des Quellcodes einer Software. Dafür kommen neben spezialisierten Agenturen auch Rechtsanwälte oder Notare in Frage. Dabei legt ein Vertrag zwischen Hersteller und Käufer der Software sowie dem Treuhänder fest, unter welchen Bedingungen der Käufer Einblick in den Code nehmen darf.

Außerdem legt er die Pflichten des Treuhänders fest. Denn die bloße einmalige Deponierung hilft unter Umständen gar nichts. Wer garantiert, dass der vollständige Code samt Hilfsprogrammen in lauffähigen und aktuellen Versionen deponiert wurde und nicht eine Sammlung von Urlaubsfotos?

 

Sicherheit durch regelmäßige Checks

Um diese Gefahr zu entschärfen, bieten Escrow-Agenturen über die Verwahrung hinaus auch Prüf- und Verifikationsdienstleistungen bis zur Vermittlung passender Dienstleister im Ernstfall oder Versicherungsleistungen an. Zudem werden hinterlegte Medien regelmäßig auf Viren geprüft und mit Updates versorgt. Daneben wird die Vollständigkeit der Dokumentation sichergestellt und Hilfsprogramme wie Compiler oder die ursprünglich verwendete Entwicklungsumgebung aufbewahrt. Schließlich ist ohne diese mit dem reinen Quellcode in vielen Fällen nichts anzufangen.

Je nach Umfang des Paketes kostet es zwischen ein und fünf Prozent der Lizenz. Das die Herausgabe des Quellcodes aber wirklich schnelle Hilfe bedeutet, kann keine Escrow-Agentur garantieren. Denn die Einarbeitung in ein fremdes Programm ist selbst für den besten IT-Fachmann eine große Aufgabe.

© 2004 Financial Times Deutschland